Sony Zeiss Vario-Tessar T* FE4/24-70 ZA OSS – Meckern auf hohem Niveau?

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Das Vario-Tessar T* FE4/24-70 ZA (SEL2470Z) interessierte mich seit seiner ersten Ankündigung brennend. Abgesehen davon, dass es zum Erscheinungsdatum im Fullframe-E-Mount die einzige Möglichkeit darstellte, ohne Adapter und Drittobjektive in einen Bereich unterhalb von 35mm vorzudringen, lockte mich der Gedanke, ein hochwertiges Zoom für den „Alltag“ – also Urlaube und Ausflüge – auf der A7r zu haben.

Bei der Qualität, die die A7r zu liefern imstande ist und bei dem hohen Niveau, dass die beiden ersten Festbrennweiten (35mm, 55mm) erreichten, waren die Erwartungen an das Vario-Tessar entsprechend hoch – zusätzlich geschürt durch den Preis und das Zeiss-Label.

Ich muss zugeben – ich erwartete nichts weniger als ein Blende-4-Äquivalent zum Nikon/Canon 24-70 F2.8. Etwas Lichtstärke zugunsten einer deutlich kleineren und leichteren Bauform zu opfern, schien mir in Ordnung.

SEL-2470Z von Sony_01Alpha7R von Sony_08Das hier abgebildete Vario Tessar T* FE 24-70mm F4.0 ZA OSS wiegt 426g, hat einen Filterdurchmesser von 67mm und einen Mindestfokussierabstand von 0,4m. Es besteht aus 12 Elementen in 10 Gruppen und ist passend zur A7(r) Staub- und Spritzwassergeschützt.

Doch bereits die ersten Reviews führten zu Ernüchterung. Der Kernsatz, der immer wieder aus den Berichten herauszulesen war, besagte, dass die Optik weder bei 24mm noch bei 70mm (zwei Schlüsselbrennweiten, die ich häufig benutze) wirklich gut wäre. Zwar sei die Schärfe im Zentrum sehr ordentlich, in den Ecken sehe es aber deutlich schlechter aus. Und bei 24mm könne man es eigentlich komplett vergessen.

Nun ist man als Internet-Veteran einigermaßen abgehärtet. Man genießt solche Berichte mit einer gewissen Vorsicht und was ich von Pixelpeepern und Chart-Fotografen so halte, weiß der geneigte Leser ja nur allzu gut.

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Trotzdem führte dieses Dilemma – kaufen / lieber nicht kaufen – bei mir zu einigen schlaflosen Nächten. Schließlich tauchten auch einige gute Bewertungen im Netz auf. Das gab letztendlich den Ausschlag und ich kaufte das Objektiv – mit dem festen Glauben daran, dass ich bald über die Verrisse nur noch müde lächeln würden.

Pünktlich bei Ankunft des Sony 24-70 war das Wetter gut und ich setzte das sofort in eine erste Foto-Test-Tour um.

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Die ersten Eindrücke beim Auspacken waren fantastisch. Formfaktor und Gewicht geben in Verbindung mit der A7(r) eine gut ausbalancierte Größe. Das schnörkellose Sony-Zeiss-Design passt sich der Kamera perfekt an und wirkt wirklich ausgesprochen hochwertig. Keine hässlichen Schalter oder gestalterische Gimmicks trüben das Gesamtbild. Das Zeiss 24-70 ist optisch und haptisch ein rundum gelungenes Produkt und man hat sofort Lust, es zu benutzen.

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Beim Fotografieren selbst genoss ich nach sehr langer Zeit wieder die Flexibilität des Zooms. Festbrennweiten sind meist die Könige in Sachen Bildqualität und ich präferiere sie stark, doch in letzter Zeit kehrte mit dem immer gleichen Blickwinkel bei 35mm gelegentlich Langeweile ein. Gern hätte ich auch mal die Perspektive gewechselt, mehr Drama erzeugt (ich liebe Weitwinkel) oder eine leichte Tele-Wirkung eingesetzt.

Dies alles klappte mit dem 24-70 auf Anhieb problemlos. Dank dem integrierten Stabilisator (und der hohen Empfindlichkeit der A7r) konnte ich die Verschlusszeiten auch immer oben halten, um die 36 Megapixel möglichst sauber und verwacklungsfrei auszunutzen.

Später, zu Hause, kam dann die Stunde der Wahrheit.

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Das ein Zoom immer eine Kompromiss-Konstruktion ist und niemals die Qualität einer hochwertigen Festbrennweite erreicht, muss hier nicht diskutiert werden. Natürlich schraubte ich meine Erwartungen dementsprechend zurück (andererseits hat Canon mit dem 24-70 F2.8 II auch schon gezeigt, was möglich ist – wenn man Größe, Gewicht und Preis verschmerzen kann).

Die ersten Bilder mit dem neuen Sony 24-70 (auf dem 27-Zoll-Monitor in Lightroom begutachtet) zeigten vor allem, dass die Verzeichnungen an beiden Enden der Brennweite exorbitant sind. Gut dass ich das entsprechende Objektivprofil schon zur Verfügung hatte und direkt auf Knopfdruck entzerren konnte. Sowas Extremes habe ich jedenfalls bisher noch nie erlebt.

Die Schärfe hingegen war – zumindest im mittleren Bildbereich – recht gut.

24_70_ww_original24mm unbearbeitet im RAW…

24_70_ww_entzerrt…und mit Lightroom bearbeitet / Verzeichnung korrigiert. Man sieht den Unterschied besonders deutlich, wenn man beide Bilder nebeneinander legt und zwischen ihnen umschaltet (mit Rechtsklick herunterladen).

24_70_tele_original70mm unbearbeitet im RAW…

24_70_tele_entzerrt…und mit Lightroom bearbeitet / Verzeichnung korrigiert. Man sieht den Unterschied besonders deutlich, wenn man beide Bilder nebeneinander legt und zwischen ihnen umschaltet (mit Rechtsklick herunterladen).

Gut, sagte ich mir, wahrscheinlich der Preis für geringere Größe und Gewicht – da lagert man das Entzerren halt in die Software aus und geht bei der Optik Kompromisse ein. Warum auch nicht, dafür muss ich mich nicht totschleppen und die Korrektur ist problemlos und schnell erledigt. Andererseits geht durch das Entzerren starker Verzeichnungen natürlich auch viel Bildinhalt verloren.

Schwerer wog dagegen schon, dass bei 24mm wirklich keine richtig gute Schärfe mehr zu erreichen war – doch selbst das hätte ich noch akzeptiert. Wirklich gruselig waren die Ecken. Ich kramte gleich noch mal meine Bilder mit der Nikon D600 und dem Tamron 24-70 F2.8 raus – da wurde mir der Unterschied richtig bewusst!

Entweder ist das Sony 24-70 (bei 24mm in den Ecken) wirklich so schlecht oder das Tamron war so gut – keine Ahnung. Hätte ich die Kombi D600/Tamron 24-70 vorher nicht besessen, wäre ich vielleicht zufriedener gewesen. So aber begann es in mir zu nagen.

DSC00664-2.jpg24mm in der Gesamtansicht…

DSC00664.jpg…und die rechte untere Ecke vergrößert. 1/250 bei F7.1 – das sollte eigentlich besser aussehen.

Meine Gedanken begannen zu kreisen. Das Objektiv war teuer, nicht besonders lichtstark und bei 24mm sichtbar schlechter als meine alte Ausrüstung. Wenn so ein Gedanke einmal da ist, kommt man nur schwer davon wieder weg. Da halfen auch zahlreiche andere Bilder nicht, an denen eigentlich nichts auszusetzen war. Das Gefühl, für viel Geld eine halbgare Sache gekauft zu haben, ließ mich nicht mehr los.

Dazu kamen noch andere Besonderheiten. Bei 70mm waren die Ecken ebenfalls richtig mies – am langen Ende eines Zooms eigentlich eher seltsam. Kommt man – wie ich – vom Nikkor 85mm F1.8, ist man da eh besonders kritisch (das Nikkor zählt zu den schärfsten Gläsern überhaupt).

DSC00601-3.jpg70mm in der Gesamtansicht, 1/180 bei F8.0…

DSC00601-2.jpg…linke obere Ecke…

DSC00601.jpg…untere rechte Ecke.

Ich will es deshalb hier kurz machen: nach einer Woche habe ich das Objektiv wieder zurückgegeben.

Wäre es meine erste Optik an der A7r gewesen oder hätte ich es hauptsächlich für Video gebraucht – vielleicht wäre ich nachsichtiger gewesen. Zum Vergleich standen aber Objektive wie das Sony 35mm F2.8 und das 55mm F1.8. Wenn man von dieser Qualität erst einmal gekostet hat, wird es schwer für das Zoom.

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Hier meine Kritikpunkte an diesem Zoom in der Zusammenfassung:

  • Die Verzeichnung ist heftig, lässt sich jedoch mit einem Klick im RAW-Konverter beseitigen (und im JPG wird sie bereits in der Kamera beseitigt). Ich vermute mal, Sony überträgt diesen Teil optischer Korrektur aus Größen- und Gewichtsgründen in die Software. Das ist nichts zum Jubeln, aber man kann damit leben.
  • Bei 70mm nicht überragend, vor allem in den Ecken
  • bei 24mm ebenfalls nicht überragend, auch abgeblendet mäßige Schärfe und enttäuschende Performance in den Ecken
  • der Preis ist meiner Meinung nach für das Gebotene zu hoch

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Was gefällt mir an der Optik?

  • Verarbeitung und Haptik
  • von ca. 30mm bis 60mm gute optische Leistung (einem handelsüblichen F4-Zoom entsprechend)
  • gute Geschwindigkeit des Autofokus (zusammen mit der A7r)
  • Kontrast, Farbwiedergabe, Signatur
  • Bokeh (entgegen einiger Testberichte richtig gut)
  • es passt in der Größe gut zur A7, hebt allerdings den Vorteil des geringen Formfaktors teilweise wieder auf

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Fazit

In den knapp 7 Tagen, in denen ich das Objektiv benutzt habe, entwickelte sich eine Liebe-Hass-Beziehung. Schlussendlich waren es zwei Punkte, die mich dazu bewogen, das Produkt zurückzugeben: der Preis und die Eckenperformance.

Mit allem anderen hätte ich leben können. Farben und Kontraste sind gut, der Zeiss-Look ist definitiv da, Verarbeitung und Haptik sind exzellent. Die Schärfe ist natürlich nicht so hoch wie bei einer guten Festbrennweite.

Fakt ist aber auch, dass uns Sony hier ein handelsübliches F4.0-Zoom mit größenbedingten Einschränkungen (Verzeichnungen) verkauft, mit dem Zeiss-Label aber eigentlich zu hohe Erwartungen weckt und diese Erwartungen mit einem Premium-Preis noch unterstützt.

Für mein Tamron 24-70 F2.8 habe ich damals 200 EUR weniger bezahlt und dessen Performance war wirklich wesentlich besser (kaum Verzeichnung, scharf bis in die Ecken bei allen Brennweiten).

Letztendlich scheitert das Sony 24-70 an zu hohen Erwartungen und an einem zu hohen Preis. Ohne Zeiss-Label und für 699 – 799 EUR hätte es vermutlich ganz anders ausgesehen und mein Testbericht wäre deutlich enthusiastischer ausgefallen. Bei einem Preis von 1200 Euro wird man jedoch schon ein wenig zum Krümelkacker.

Für die Sony A7r bleiben nach wie vor nur Festbrennweiten wirklich interessant. Für den Weitwinkelbereich habe ich mir jetzt zum Beispiel das Zeiss 18mm F3.5 ZF.2 (mit Novoflex-Adapter) gekauft – ein perfekter Partner für die A7r. Einen Testbericht dazu findet Ihr hier.

Das Vario-Tessar T* FE4/24-70 ZA hingegen habe ich abgehakt und inzwischen fast schon wieder vergessen.

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