Leica M8 – Begegnung mit einer Legende

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Vor einiger Zeit – in einem Anfall von wilder Leidenschaft – habe ich bei EBAY eine gut erhaltene Leica M8 (Baujahr 2007) “geschossen”. Das schreit natürlich nach einem ausführlichen Review – auch wenn die Kamera mittlerweile zwei Generationen zurückliegt.

Meine erste Begegnung mit Leica fand vor einigen Jahren im Internet statt. Durch Zufall stieß ich auf einen Blog, in dem ein begeisterter Fotograf schrieb, er habe seine gesamte Ausrüstung verkauft und würde nun nichts anderes mehr als die kleine M9 in die Hand nehmen. Der Bericht weckte mein Interesse, also informierte ich mich über die Kamera. Dieser Vorgang dauerte exakt 7 Sekunden. Nach Ablauf dieser Zeit hatte ich den Preis gesehen und schlagartig jegliches Interesse verloren.

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Meine erste Spiegelreflex aus DDR-Produktion, hier mit Tessar 2.8/50. Das prägt fürs Leben…

Einige Monate später stolperte ich im Netz über Steve Huff, seines Zeichens Ritter der spiegellosen Kameras und Leica-Fan. Steve hat eine sehr ansteckende Art, enthusiastisch zu sein und ich las mir auf seiner Seite wirklich alles durch und wurde selbst zu einer Art “offline”-Fan (ohne so ein Gerät selbst zu besitzen). Mich faszinierte das gesamte Konzept aus extrem simpler Bedienung und hochwertigster Technik und mir gefielen auch die extrem charakterstarken Bilder, eine Kombination aus dem (häufig vorhandenen) Können der Leica-Fotografen, dem ungewohnten CCD-Sensor, diverser technischer Unzulänglichkeiten und der extrem hochwertigen und oft sehr lichtstarken Objektive.

Einige Zeit später hatte ich die Wahl zwischen einer gebrauchten M8 und einer neuen Nikon D600. Natürlich entschied ich mich für die Nikon und habe dies auch nie bereut. Die Nikon ist einfach perfekt, technisch hervorragend, irrsinnige Dynamik, schnell, sicher, astrein. Jeder, der nicht halbwegs bekloppt und bescheuert ist, kriegt damit technisch super Bilder hin. Trotzdem verlor ich nie das Interesse an Leica. Gerade wenn man einige Zeit mit den aktuellen DSLRs gearbeitet hat, sucht man irgendwann wieder die Herausforderung. Man kann es mit dem Autofahren vergleichen: ein vollausgestatteter Wagen der gehobenen Mittelklasse ist im Alltag schon schick. Trotzdem will man auch mal den kleinen Roadster fahren, knochenhart, ohne Dach, ohne Servo, ohne ASR.

d600_28_300_front34lWer kauft schon ne alte gebrauchte M8, wenn er sowas haben kann…?

Was ist aber nun das Besondere an diesem “Roadster der Fotografie”?

So wie man Loewe und Ardenne mit dem Fernsehen verbindet, Wernher von Braun mit dem Mondflug oder Zuse mit dem Computer, ist Leica untrennbar mit Fotografie – insbesondere mit Reportagefotografie verbunden. Geht man durch die Geschichte zurück, stolpert man immer wieder über die M-Reihe, die Messsucher-Reihe (ja, mit drei s!). Okay, okay, aber was bitte ist ein Messsucher?

Anstatt jetzt hier eine Abhandlung aus 2000 Wörtern zum Thema zu schreiben (400 davon hatte ich schon, hab es aber wieder verworfen) gebe ich Euch einfach mal frech diesen Wikipedia-Link. Schaut Euch vor allem die Vorteile und Nachteile an.

Ich habe den Messsucher immer belächelt und mich mit meiner Spiegelreflexkamera der DDR-Marke Praktica überlegen gefühlt. Wenn ich jetzt beide Systeme vergleiche muss ich zugeben, dass das ein Irrtum war. Wenn man nicht gerade einen Autofokus hat ist der Messsucher aus meiner Sicht definitiv die bessere und sichere Lösung als die manuelle Spiegelreflex. Was hab ich mich nicht mit dem kleinen und dunklen Sucher der Praktica gequält. Trotz spezieller Mattscheibe war es bisweilen wirklich ein Krampf, richtig zu fokussieren. Wie schnell und sicher dagegen mit der Leica: einfach beide Bilder übereinander bringen und auslösen. Lässig.

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Männerspielzeug – ohne Gesichtserkennung, Stabi, Superzoom, WLAN, Haustier-Motivprogramm

Wo war ich stehengeblieben? Richtig, bei Leicas M-Reihe. Die erste Kamera dieser Art war die 1954 eingeführte M3 (M2 und M1 waren vereinfachte Versionen der M3). Die M3 begründete die Ära aus unverwüstlichen, stabilen, hochwertigen und teuren Geräten die ihren Ruf auch vor allem den herausragenden Objektiven verdankten.

Den Höhepunkt dieser analogen Geräte bildete meiner Meinung nach die M6 die auch heute noch gern verwendet wird. Die M6 ist für mich irgendwie die analoge Leica M schlechthin.

Die M8 war die erste digitale Kamera dieser Reihe – sozusagen der erste Versuch, die M-Reihe ins schon längst angebrochene digitale Zeitalter zu legen. Sie wurde mit einem 10.3-Megapixel Kodak-CCD-Sensor ausgestattet und von 2006 bis 2009 in Deutschland hergestellt. Sie brachte all die typischen Leica-M-Merkmale mit sich: spartanische, auf das Wesentliche reduzierte Ausstattung, Messsucher, hochwertige Konstruktion, M-mount für die extrem guten Leica-Objektive. Technisch war es bauartbedingt eine kribbelige Sache, den Sensor in das kleine M-Gehäuse zu integrieren und eine zeitlang hieß es sogar, dass sei unmöglich weil der Abstand zwischen Sensor und Objektiv so klein wäre.

Im Endeffekt wurde ein optimierter Sensor entwickelt. Als Kompromiss war jedoch zunächst kein Vollformat möglich. Die M8 erhielt dadurch einen Crop-Faktor von 1,333.

Das war wohl unter anderem ein Grund, weshalb die Kamera teilweise misstrauisch beäugt wurde. Offensichtlich konnten viele Menschen mit dem Crop-Faktor nicht umgehen oder empfanden einen kleineren Sensor als entwürdigend…

Kurz nach dem Release zeigten sich weitere Kinderkrankheiten. Zum Beispiel wurden infrarote Lichtanteile technisch bedingt nicht ausreichend vom Sensor ferngehalten (ein Kompromiss, den man damals eingehen musste). Als Folge dessen wurden bestimmte schwarze synthetische Stoffe unter speziellen Lichtbedingungen eher lila dargestellt. Bei Leica war man davon ausgegangen, dass man damit leben könne, hatte aber nicht mit dem Internet gerechnet: plötzlich fotografierte jeder Leica-Fotograf nur noch schwarze Hosen, stellte diese online, und der Skandal war perfekt. Da man dieses Problem konstruktionsbedingt nicht mehr beheben konnte, läuft nun jeder M8-Fotograf mit Infrarot-Sperrfilter vor der Linse umher. Angesichts des Preises der Kamera mag das den Einen oder Anderen zum Lächeln anregen, es ist aber dennoch ein funktionierender Workaround und Leica verteilte pro Gerät zwei dieser Filter kostenlos.

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M8 – Kleine Diva mit Macken. Auf Bildern kommt einfach nicht rüber, wie beeindruckend gut die Haptik wirklich ist

Leider gab es auch noch andere kleine Bösartigkeiten. Der Verschluss konnte zwar 1/8000 (finde ich super), war aber für Leica-Verhältnisse relativ laut. Wahrscheinlich haben einige Streetfotografen deshalb hin und wieder eine Handtasche um die Ohren gepfeffert gekriegt, jedenfalls war das lange Zeit ein Thema. Ich persönlich finde den Verschluss auch nicht direkt leise, aber da er so anders als eine typische DSLR klingt wird er oftmals gar nicht als Auslösegeräusch wahrgenommen. Es klingt eher, als würde eine Mausefalle zuschlagen…

Blöd war dann schon eher, dass sich Anfangs unter bestimmten Umständen hässliche Bildfehler zeigten (z.B. Banding) die allerdings per Software-Update behoben werden konnten. Zudem habe ich das Gefühl, dass der Sensor zu vielen toten Pixeln neigt, was im Extremfall bei Unterbelichtung zu hässlichen vertikalen Streifen führen kann. Leica behebt dies entweder durch ausmappen der toten Pixel oder durch Sensortausch (man kann alternativ auch dieses Programm nutzen).

Und weil wir gerade beim Thema “Unterbelichtung” waren… Wenn wir im Jahre 2013 von low light reden… belassen wir es einfach dabei, dass man mit der Kamera möglichst nicht über ISO640 gehen sollte. Über den Rest decken wir den Mantel des Schweigens und der gütigen Barmherzigkeit.

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Die M8 ist ein Hybrid, eine Brücke aus der wunderbaren alten Zeit in die Gegenwart. Die geringe Menge an Tasten wirkt ungemein beruhigend.

Hat man aber das letzte Firmware-Update drauf, den IR-Sperrfilter angeschraubt, eine Strategie gegen die toten Pixel ermittelt, ausreichend Licht in petto und versteht man den Zusammenhang zwischen ISO, Blende und Verschlusszeit kann man eigentlich mal anfangen, ganz schicke Bilder zu machen.

Ach so, das hintere Display… ich sag mal, für Menüeinstellungen ist es gut geeignet. Man kann auch überprüfen, ob man ein Bild gemacht hat. Wirklich beurteilen kann man das Bild freilich nicht, dafür sind Auflösung und Farbtreue viel zu schlecht. Ein richtiger Fotograf guckt auch nicht nach jedem Bild aufs Display. Oder so ähnlich…

Und ehe ich es vergesse… der automatische Weißabgleich… Ich habe Leica in Verdacht, dass der Weißabgleich in Wirklichkeit von einem Zufallsgenerator ausgewürfelt wird. Entsprechend ist das Ergebnis. Also tunlichst auf JPG verzichten und im RAW arbeiten. Mache ich eh immer.

Aber kommen wir zum Kern dieses Berichtes. Eines Tages hatte ich sie also in der Hand, die M8. Zusammen mit einem kleinen Voigtländer 35mm 1.4 Nokton Classic (dem Objektiv widme ich einen Extra-Artikel!). Mein erster Gedanke war: “Verdammt, das ist ja ein richtiger Fotoapparat, wie früher! Toll!”.

Ich geb es zu… als DSLR-Weichmutti ist es am Anfang ein K(r)ampf, mit dem Gerät Bilder zu machen. Freilich, der haptische Eindruck ist hervorragend. Metall (ja, sowas gibts noch), perfekt rastende Hebel / Einstellräder, ein wunderschönes Teil im Bauhaus-Style, aus dem Ganzen gefeilt – einfach fantastisch. Man muss die M8 immer wieder in die Hand nehmen und anschauen. Ja, man ist halt nur noch Plaste Made in China gewohnt… Darf ja auch alles nix kosten.

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Die Bedienung gibt keine Rätsel auf. Das altbewährte Konzept bringt ein Stück Jugend zurück…

Also gleich mal angeschaltet, Zeit auf (A)utomatik, Blende eingestellt (…wo denn, ach ja, am Objektiv), durchgeschaut, grob fokussiert, ausgelöst.

Böser Fehler.

Der Deckel war noch drauf.

Stimmt, es ist ja keine Spiegelreflex. Als erzieherische Maßnahme führt das Ablichten des Deckels zu einer extrem langen Belichtungszeit die man nicht abbrechen kann und zu einem anschließenden zweiten Bild gegen den geschlossenen Verschluss, um eine Referenz zur Rauschmilderung zu kriegen. Aber offensichtlich geht es anderen gleich… siehe hier

Na gut, zweiter Versuch. Rufen wir uns alles ins Gedächtnis, was wir früher mal gelernt haben. Blende, Verschlusszeit, Deckel runternehmen, Konzentration… Das erinnert mich an meine letzte Klassenfahrt. Mein Vater gab mir seine heilige Praktica MTL2 mit. Auf meine zögerliche Frage, wie man das Ding bediene, kam die väterliche Antwort: Naja, wenn die Sonne scheint, hier die Blende 8 einstellen, hier auf 250 drehen und dann abdrücken. Entfernung immer auf Unendlich, du fotografierst ja eh nur die Berge. (Stimmt, meine Klassenkameradinnen hatten kein Interesse an einem Shooting…) Zu meiner allergrößten Überraschung entstanden durchaus brauchbare Fotos…

Aber zurück zur Leica ins Jahr 2013. Blende und Verschlusszeit fertig eingestellt, es folgt der Messsucher. Mist, wo ist die Brille…? So was schickes wie eine Dioptrienkorrektur bei meiner Nikon gibts hier nicht. Also zweiter Versuch mit Brille.

Meine Frau ist auf Arbeit also lasse ich meine 6jährige Tochter Maya zum Posing antreten. Mühevoll auf das Auge fokussiert… als ich schließlich auslöse, tritt Maya ein Stück vor und fragt: “wie lange noch, Papa?”

Tief durchatmen. “Das ist eine sehr alte Kamera, damit braucht man sehr lange!” erkläre ich meiner kleinen Maus. “Dann schmeiss die doch weg und nimm die andere!” ist die unschuldige kindliche Antwort. (Die andere ist meine Nikon.)

L1010957.jpgDer erste Versuch mit meiner Tochter

Einige Minuten später am Computer aber dann das große Staunen… Nach einigem Schrauben am RAW-File kommen durchaus beeindruckende Aufnahmen zustande. Der CCD-Sensor hat eine weiche, organische und homogene Charakteristik, die man gar nicht mehr gewohnt ist. Ein wenig erinnert es mich daran, als ich mal die alten Zeiss-Objektive aus DDR-Zeiten an die Nikon geschraubt hatte. Zusammen mit der mittelmäßigen Voigtländer-Optik 35mm 1.4 Nokton Classic ergibt sich ein schönes Vintage-Feeling, ein gewisser Charakter den ich bei meiner technisch perfekten Nikon D600 ehrlich gesagt manchmal vermisse. Damit ist fotografieren eher wie Standgericht. Hinstellen, anlegen, abdrücken. Passt.

L1010960.jpgGläser rücken… Irgendwie muss man das Fokussieren mit dem Messsucher ja üben…

Mit gehörigem Enthusiasmus ging ich dann auch das nächste Projekt an, zwei kleine Wochenendausflüge um zu sehen, was die M8 so kann. Mit geschwollener Brust und der Leica um den Hals stolzierte ich durch die Gegend, gelegentlich mal ein lässiges Foto machend (kein Problem mit dem Messsucher). Ich fühlte mich wie Steve Huff light.

Am Ende des Tages jedoch musste ich in mich gehen… bei jedem zweiten Bild lag der Fokus knapp daneben. Das war die zweite DSLR-Weichmutti-Lektion… Bei Blende 2 oder weniger ist der Schärfenbereich wirklich erstaunlich dünn. (Übrigens: toll, was so ein Autofokus leistet…) – bedeutet aber auch, dass man sich die Zeit nehmen muss, mit dem Messsucher wirklich sorgfältig zu fokussieren. Und siehe… dann klappt es auch.

Landscape 1M8-Bilder lassen sich super in s/w konvertieren. Zusammen mit NikSoftware SilverEfexPro2 ein unschlagbares Gespann!

Die Erfahrungen aus diesem Tag führten dazu, dass ich mich nach langer Zeit erstmalig wieder mit Dingen wie Schärfentiefe und Hyperfokaldistanz beschäftigte und einige bahnbrechende Entdeckungen machte. Wenn man mit dem Voigtländer eine Blende einstellt, z.B. Blende 8, kann man auf dem Entfernungsring am Objektiv tatsächlich ablesen, von wo bis wo die Schärfe geht, oder man kann so justieren, dass der Schärfebereich möglichst groß wird (besagte Hyperfokaldistanz). Ohne durch den Sucher zu sehen.

Nach anfänglichem Mißtrauen stellte ich fest: das funktioniert!! Ich fühlte mich, wie sich Columbus gefühlt haben muss, als er Amerika entdeckte. Ich muss zugeben, unsere Vorfahren waren gar nicht so blöd, obwohl sie kein Facebook hatten (das war jetzt sarkastisch gemeint). Eigentlich ist es mir unbegreiflich, warum heutzutage kein Objektivhersteller mehr die Schärfentiefenskala auf den Fokusring druckt. (Ich weiss schon, weil die Plastebecher Fertigungstoleranzen haben, die jenseits von Gut und Böse liegen. Wenn die Unendlich-Einstellung einen ganzen Zentimeter neben der entsprechenden Markierung liegt, wird das mit dem Ablesen eben nichts mehr).

Trotzdem… warum macht man es dann nicht elektronisch? Warum gibt es keine Möglichkeit, auch mit Autofokus die Hyperfokaldistanz anzufahren oder dem Gerät zu sagen: gib mir Schärfe von 2 – 4 Meter mit Priorität über die Blende? Ich finde diese Möglichkeit des Fokussierens mittlerweile oft praxisnäher als das ständige Anvisieren von Leuten und Gegenständen. (Das erinnert mich so an mein G3 bei der Bundeswehr).

oederan1.jpgAngenehme Farben und frei von Verzeichnung – M8 mit Voigtlander 35mm 1.4 classic

dawn2.jpgAbendlicht. Der CCD-Sensor erzeugt angenehme warme und homogene Bilder mit viel Details im Hellen und im Dunklen

L1010976.jpgBlende 1.4 ist toll … man muss dann nur auch die Schärfe richtig erwischen mit dem Messsucher…

L1011052.jpgDas 35mm ist durch den Crop-Faktor eigentlich ein 46mm – die Leuchtrahmen im Sucher der M8 sind daraufhin ausgerichtet und zeigen den umgerechneten Bildausschnitt an

L1011132.jpgAndere Farben als Nikon und Canon… mir gefällts.

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L1011104.jpgDie Dynamik ist irgendwie viel besser als man nach den reinen technischen Daten vermuten würde…

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L1011051.jpgDa schwitzt die Hightech-Digicam – Fokussieren durch eine Scheibe. Für die Leica dank Messsucher kein Thema. Was ich sehe kann ich auch fokussieren.

L1011038.jpgLowlight ist nicht ihre Stärke, aber für ISO1250 ist das Ergebnis gut. Ich hatte schlimmeres befürchtet.

Beim nächsten Ausflug nach Dresden probierte ich es auf die harte Tour: Blende 8, Entfernung so eingestellt, dass ab 2,50m alles scharf ist. Und dann einfach abdrücken. Auch das funktionierte und das erste Mal bekam ich eine Ahnung, warum Generationen von Fotografen genau diese Kamera und Arbeitsweise bevorzugten. Außerdem lernte ich, was der Begriff “Reduktion auf das Wesentliche” wirklich bedeutet. Denn obwohl meine Nikon ungefähr 20.000 Features mehr hat, vermisse ich an der Leica trotzdem nichts.

Im Gegenteil: ich kann die M8 dank ihrer rein mechanischen Bedienelemente bereits im ausgeschalteten Zustand auf die jeweilige Situation einrichten. Wenn es dann soweit ist, einfach vors Auge nehmen, einschalten und durchdrücken.

Okay, ich gebs zu. Ich hab mich am Anfang in Dresden nicht wohl gefühlt mit dem Gerät. Ich war stocksteif, als hätte ich ein rohes Ei um den Hals. Bei jedem Fettfinger auf dem Gehäuse bekam ich Schnappatmung und ich hatte das Gefühl, jeder würde mich anschauen und sagen: “Guck mal, der reiche Vogel hat ne Leica. Na der muss es ja dicke haben!”

In Wahrheit war es genau andersrum. Kein Mensch nahm mich mit der M8 überhaupt war. Ich konnte mitten im Getümmel einfach knipsen – es hat keinen interessiert. Mach das mal mit einer großen DSLR – da kriegste direkt eine reingehauen.

Von hunderten von Menschen, die an diesem Tag meinen Weg kreuzten, hat genau einer mit starrem Blick die M8 fixiert und wäre dabei fast an eine Wand gelaufen. Ich wette, der hat gedacht: “Komisch, genau so eine war doch bei Opa im Schrank und ich hab sie weggeschmissen. Am Ende hätte ich sie noch aufm Flohmarkt für 20 Euro loswerden können…”

Nein aber im Ernst… obwohl man für eine gebrauchte M8 natürlich deutlich weniger zahlt als für eine gebrauchte M9 habe ich das Gefühl, dass es eigentlich genau andersrum sein solle. Eine richtig gut erhaltene M8 mit ca. 3000 Schüssen auf der Uhr findet man praktisch heute nicht mehr. Bei Ebay stehen nur noch die runtergenudelten rum. Wer seine M8 zu Gunsten der M9 loswerden wollte, hat dies schon vor Jahren getan. Daher war meine Vorsicht im Umgang mit dem Gerät wohl ganz angebracht.

Am Ende des Tages hatte ich mich mit dem guten Stück richtig angefreundet. Das Fokussieren klappte (meist), die Nervosität hatte abgenommen, niemand hatte mich überfallen – alles war gut.

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L1011156.jpgPuh, es guckt wirklich keiner… völlig ungewohnt für einen DSLR-Besitzer…

L1011152.jpgFrüh übt sich…

BikesWir üben Hyperfokaldistanz…

 

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